INTERVIEW MIT DER REGISEURIN



Interview mit Marita Grimke


Was hat der Film mit Ihnen persönlich zu tun?

Vor ein paar Jahren war ich bei einer Podiumsdiskussion, zu der auch der Dalai Lama eingeladen war. Als er die Bühne betrat, hat es die Menschen auf die Füße gerissen. Es gab standing ovations, minutenlang. Die Leute hörten erst auf zu klatschen, als der Dalai Lama freundlich lachend signalisierte, dass es jetzt aber genug sei. Das hat mich sehr beeindruckt, diese spontane, tiefe Verehrung. Immer wieder beobachte ich dieses seltsame Phänomen, dass die Augen von Leuten anfangen zu strahlen, wenn man den Dalai Lama auch nur erwähnt, völlig egal, ob das Christen sind oder Leute, für die Religion bedeutungslos ist. Ich habe mich gefragt: Wo kommt dieses Leuchten her, diese Verehrung, diese Dankbarkeit für die Person des Dalai Lama? Meine Vermutung ist, dass es die Offenheit "Seiner Heiligkeit" ist, der so überhaupt nicht "heilig" rüberkommt, sondern sich zutiefst menschlich verhält, herzlich, liebevoll. Aber so eine Lebenshaltung wie die des Dalai Lama ist nicht angeboren. Sie ist das Ergebnis vieler harter Jahre der Meditationspraxis und der Arbeit an sich selbst.

 

Wie ist aus dem "Phänomen Dalai Lama" der jetzige Film entstanden?

Der Dalai Lama ist sicher ein herausragender Lehrer. Aber was er vorlebt, kann jeder andere auch erreichen. Davon möchte ich in dem Film erzählen. Der Dalai Lama ist kein ungewöhnlicher Einzelfall. Er ist nur durch die Medien bekannter als andere. Sich auf das Meditationskissen zu setzen, nach innen zu lauschen, unter der Anleitung eines Lehrers zu praktizieren, steht jedem offen. Man muss nicht Asiate sein, um die menschlichen Qualitäten des Dalai Lama zu entwickeln, man muss sich auch nicht in eine Höhle im Himalaja zurückziehen. Schon der Buddha hatte sowohl Laien- wie auch ordinierte Schüler. Seiner Einsicht nach kann jeder Mensch Erleuchtung erlangen.

 

Ist der Buddhismus eine globale Religion, aus der ein Mönch in Tibet
und ein gestresster Manager im Westen den gleichen inneren Frieden
schöpfen können?


In der Frage steckt schon ein bisschen ein Missverständnis über Meditation, ein Missverständnis, das weit verbreitet ist. Wer noch nie meditiert hat, stellt sich Meditation oft so vor, als ob man sich auf das Kissen setzt und dann in eine künstliche Welt der Stressfreiheit abdriftet, sozusagen Meditation als Schlafdroge. In den Interviews im Film kommt sehr deutlich heraus, dass genau das Gegenteil passiert. Meditation ist zumindest am Anfang ein Bewusstseins-Training. Man begegnet sich selbst! Man begegnet sich selbst mit seinen Schattenseiten! Wenn man erst mal erkannt hat, dass man selbst voller Hass, Neid und Unzufriedenheit steckt, wenn man plötzlich mitbekommt, wie lieblos man oft mit seiner Familie, seinen Freunden und Geschäftspartnern umgeht, kann das am Anfang schon ein Schock sein. Wer mit dem Meditationsweg ernst macht, wird seine Praxis nicht auf die Zeit auf dem Meditationskissen beschränken. Man kann dann gar nicht anders als sein Verhalten zu ändern, sich selbst zu ändern, im ganz normalen, oft banalen Alltag, als Mutter, als Managerin oder Schullehrer. Dadurch dass man sich ändert, entsteht innerer Frieden. Aber auch das machen die Protagonisten klar: Es ist ein Prozess der Zeit braucht, der Jahre und Jahrzehnte braucht. Aber letztlich ist die Belohnung eine stille, innere Freude.

 

Ist der Buddhismus im Westen angekommen?

Man muss nur im Internet "Buddhismus" und seine Heimatstadt eingeben und schon werden meist gleich mehrere Zentren ausgeworfen und zwar aller buddhistischer Richtungen.

 

Warum kommen im Film nur Praktizierende der tibetischen Richtung des
Buddhismus zu Wort?


Es gibt im Buddhismus drei Hauptrichtungen: Theravada, Mahayana und den Tibetischen Buddhismus oder Vajrayana. Ich selbst habe intensiv Zazen praktiziert, also eine japanische Richtung des Mahayana. Dabei habe ich festgestellt, dass sowohl der Kern der Lehre wie auch die Wirkung der Praxis bei allen Richtungen die gleiche ist. Mir geht es bei dem Film um Erfahrungsberichte, nicht um ein enzyklopädisches Werk über Buddhismus. Mir ist es wichtig, dass der Dalai Lama im Film erscheint, ihn kennen die Leute, mit ihm verbindet ein großes Publikum Meditationspraxis. Von daher habe ich die Entscheidung getroffen, Meditierende zu interviewen, die den Dalai Lama grundsätzlich als Lehrer anerkennen.

 

Aber durch die kulturelle Prägung haben die Menschen in Tibet und im Westen
gewiss einen anderen Zugang zum Buddhismus?


Vermutlich stimmt das. Aber da ich kaum Tibeter kenne, kann ich nur auf meine eigene Erfahrung zurückgreifen und auf das, was mir meine Interviewpartner erzählt haben. Das heißt, dass es offensichtlich auch für Westler möglich ist, Buddhist zu sein.

 

Eine der Interviewpartnerinnen im Film sagt: "Ich bin immer noch Christin. Ich bin noch nicht aus der Kirche ausgetreten." Ein Widerspruch oder funktioniert eine doppelte Religionszugehörigkeit?

Diese Antwort hat mich sehr überrascht! Denn von außen gesehen sind beide Religionen extrem unterschiedlich. Im Buddhismus gibt es keinen Schöpfergott zum Beispiel. Ich würde mich freuen, wenn genau über diese Aussage sowohl christliche Theologen wie buddhistische Gelehrte ins Nachdenken kommen.

 

Die Doku "Buddhistische Stille" zeigt sehr private Aufnahmen vom meditierenden Dalai Lama. Wie kam es zu diesem sehr seltenen Einblick in die Privatsphäre des Dalai Lama?

Bei diesem Film habe ich ein kleines Wunder erlebt. Von Anfang an wollte ich den Dalai Lama bei seiner Morgenmeditation zeigen, als Identifikationsfigur für ein breites Publikum. Doch trotz aller Anstrengungen bekamen wir keinen Kontakt zum Büro Seiner Heiligkeit. Ich war enttäuscht, entschied mich aber trotzdem weiterzumachen. Ein Interviewpartner, Paul Syska vom Tibet Zentrum Offenburg, war anfangs sehr skeptisch, prüfte in einem langen Gespräch meine Ernsthaftigkeit. Auf einmal holte er ein Video, das er 2004 in den Privaträumen des Dalai Lama in Dharamsala aufgenommen hatte. Es zeigt genau die Szenen, die ich mir für den Anfang meines Filmes vorgestellt habe. Paul Syska ist seit vielen Jahren mit dem Dalai Lama befreundet, brachte ihn auch mit Carl Friedrich von Weizsäcker zusammen und ist maßgeblich daran beteiligt, dass gerade in Indien unter der Schutzherrschaft des Dalai Lama ein Nonnenkloster aufgebaut wird. Paul Syska bat Seine Heiligkeit ihn filmen zu dürfen als Inspiration für andere Menschen. Ich bin sehr dankbar, dass Paul Syka diese Aufnahmen - mit Zustimmung des Büros Seiner Heiligkeit - für die Dokumentation zur Verfügung stellte.

 

Wollen Zuschauer heute überhaupt Stille erleben?

Der Film "Die große Stille" von Philip Gröning über das Leben von Schweigemönchen war der dritterfolgreichste Kinodokumentarfilm in Deutschland.
Er zeigt geschlagene 160 Minuten nichts als schweigende Mönche mit ihrem Leben der Zurückgezogenheit. Die Zuschauer waren begeistert und strömten in die Kinos! Dieser kommerzielle Erfolg heißt für mich: Es gibt bei einem breiten Publikum ein Bedürfnis nach Stille und danach sich mit Sinnfragen zu beschäftigen. Das hat mir Mut gemacht für meinen eigenen Film. Gröning hat auf den Blick hinter die Kulissen ganz bewusst verzichtet. Aber genau das interessiert mich: Warum fangen Menschen an, eine religiöse Praxis auszuüben? Was erleben die Übenden auf ihrem Weg? Welche Krisen haben sie zu bestehen, welche Höhepunkte zu feiern?

 

Die "Buddhistische Stille" arbeitet stilistisch mit zwei Elementen, mit Interviews sowie mit Meditationen, die unkommentiert stehen bleiben. Wie kam es dazu?

Meditation kann man nicht erklären. Um das Meditationserlebnis zu beschreiben, fehlen einem sofort die Worte. Aber man kann Meditation zeigen, man kann sich reinfühlen, sie über Bilder erspüren lassen. Ich wollte dem Zuschauer zumindest ansatzweise vermitteln, was die Protagonisten auf ihrem Weg erleben. Das eine ist die Erfahrung auf dem Meditationskissen, der der Zuschauer über die Bilder ebenso ausgesetzt ist, wie die Meditation Übenden bei der Filmaufnahme. Wer von den Zuschauern sich darauf einlässt, erfährt direkt, ohne den Intellekt ein- und zwischenzuschalten, was Meditation sein kann. Das andere ist die Reflektion des in der Meditation Erlebten und Erfahrenen. Daher erzählen die Protagonisten in Interviews, warum sie meditieren, was sie auf dem Kissen erleben und wie sich ihr Leben über die Jahre durch die Praxis verändert hat.

 

Es ist also kein Lehrfilm über Buddhismus, sondern blickt auf die Seelenlandschaften der Protagonisten?

Ja. Es ist ein Mosaik von Lebensgeschichten. Ich denke, es ist ein sehr lebendiges Bild geworden. Von Männern und Frauen, Deutschen, Österreichern und Schweizern, von pensionierten Schullehrern, buddhistischen Nonnen und klassischen Sängerinnen. Ich bin allen Interview-partnern sehr dankbar dafür, wie offen sie aus ihrem persönlichen Leben erzählt haben. Dadurch ist es ein spannender Film geworden.